Neben dem Klimawandel zählt der Verlust der biologischen Vielfalt zu den drängendsten ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Was lange vor allem als Naturschutzthema wahrgenommen wurde, entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Faktor: Laut Weltwirtschaftsforum hängt mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts moderat oder stark von funktionierenden Ökosystemen ab.
Wenn Böden ihre Fruchtbarkeit verlieren, Wasser knapper wird oder Lieferketten durch Umweltveränderungen unter Druck geraten, entstehen auch wirtschaftliche Risiken. Entsprechend wächst das Interesse von Finanzinstituten daran, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und bei Finanzierungsentscheidungen zu berücksichtigen.
Das Ziel: Banken sollen Kennzahlen an die Hand bekommen, mit denen sich Biodiversitätsaspekte messbar und nachvollziehbar in Kreditprozesse integrieren lassen. Solche Kennzahlen sind besonders wertvoll für sogenannte Sustainability-Linked Loans (SLLs) – also Kredite, deren Zinskonditionen direkt an das Erreichen konkreter Nachhaltigkeitsziele gekoppelt sind.
Viele deutsche Finanzinstitute stehen bei der Entwicklung umfassender Biodiversitätsstrategien noch am Anfang. Der Leitfaden liefert hier das dringend benötigte Werkzeug für drei besonders einflussreiche Fokussektoren: die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, die Immobilienwirtschaft sowie die chemische Industrie.
Biodiversität ist für Banken nicht nur ein Image- oder CSR-Thema. Naturbezogene Risiken wirken sich auf Ausfallrisiken, Sicherheiten, Geschäftsmodelle und ganze Kreditportfolios aus. Laut einer Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB) aus dem Jahr 2023 sind rund 72 Prozent der Unternehmen im Euroraum von mindestens einer Ökosystemleistung hochgradig abhängig – also von natürlichen Leistungen wie etwa sauberem Wasser, fruchtbaren Böden oder Klimaregulation. Auf diese Unternehmen entfallen zugleich fast drei Viertel aller Unternehmenskredite.
Darüber hinaus wächst der Handlungsdruck auf den Finanzsektor auch regulatorisch. Auf globaler Ebene fordert das Kunming-Montréal-Abkommen in seinem Handlungsziel 15 von den Vertragsstaaten, Anreize zu setzen, damit transnationale Unternehmen und Finanzinstitute ihre biodiversitätsbezogenen Risiken, Abhängigkeiten und Portfoliowirkungen offenlegen.
In Europa bildet die Sustainable Finance Regulatorik als Teil des European Green Deal den verbindlichen Rechtsrahmen: Anforderungen im Rahmen der EU-Taxonomie, Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und der Offenlegungsverordnung (SFDR) verpflichten Finanzinstitute zu mehr Transparenz.
Deutlich wird diese Entwicklung auch im Aufsichtsrecht: Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) hat im Januar 2025 finale Leitlinien zum ESG-Risikomanagement veröffentlicht, die neben Klimarisiken explizit auch Biodiversitäts- und Ökosystemrisiken adressieren. Diese sind seit Januar 2026 für die meisten Institute verbindlich anzuwenden. Im November 2025 folgten finale Leitlinien zu Szenarioanalysen für Umweltrisiken. Und auch die EZB erwartet von Instituten, wesentliche naturbezogene Risiken systematisch in Strategie, Governance und Risikomanagement zu integrieren.
Die im Leitfaden „Biodiversität in der Kreditvergabe“ vorgestellten Kennzahlen sind weder verpflichtend noch abschließend. Sie geben jedoch einen guten Eindruck davon, welche Themen Banken künftig stärker in Kreditgesprächen berücksichtigen könnten.
Für Unternehmen sind sie deshalb ein wichtiger Orientierungsrahmen: Sie helfen einzuschätzen, welche Daten relevant werden, wo negative Umweltauswirkungen und damit verbundene Risiken liegen und in welche Richtung eine Biodiversitätsstrategie entwickelt werden sollte. Methodisch folgen die Kennzahlen dabei der sogenannten Vermeidungshierarchie: Vorrang hat demnach stets, negative Auswirkungen von vornherein zu vermeiden – erst danach geht es um Reduktion und Wiederherstellung.
Typische Beispiele für die drei Fokusbranchen:
Auch wenn Biodiversitätsanforderungen in der Kreditvergabe noch nicht flächendeckend etabliert sind, lohnt sich eine frühzeitige Vorbereitung. Ein guter erster Schritt besteht darin, die eigene Ausgangslage zu verstehen, Risiken zu reduzieren und mögliche Finanzierungsvorteile zu erschließen.
Anschließend geht es darum, vorhandene Daten zu sichten, Lücken zu identifizieren und geeignete KPIs abzuleiten. So entsteht eine belastbare Grundlage für Biodiversitätsstrategie, Reporting, Bankgespräche und mögliche Sustainability-Linked Loans.
Für Unternehmen bietet sich dafür ein schrittweises Vorgehen an:
Zunächst sollte geprüft werden, ob Biodiversität für das Unternehmen ein wesentliches Thema ist. Das gilt besonders für Unternehmen aus der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Immobilienwirtschaft, Chemie, industriellen Produktion, Bauwirtschaft, Rohstoffverarbeitung oder für Unternehmen mit großen Flächen, wasserintensiven Prozessen oder naturabhängigen Lieferketten.
Hilfreiche Leitfragen dafür: Welche Auswirkungen hat das Unternehmen auf Natur und Ökosysteme? Wo bestehen Abhängigkeiten? Welche Risiken ergeben sich für Standorte, Lieferketten oder Investitionsvorhaben? Eine strukturierte Wesentlichkeitsanalyse bildet dafür die Grundlage. Die Analyse bietet darüber hinaus zentrale Vorteile für die unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategie: ↗ Hier erfahren Sie mehr.
Darauf aufbauend sollte geprüft werden, welche Daten bereits vorhanden sind. Viele Informationen liegen häufig bereits vor – beispielsweise in Umweltmanagementsystemen, Lieferantenbewertungen, Standortinformationen, Gefahrstoffkatastern, Abfall-, Wasser- und Emissionsdaten, Flächenkonzepten oder Nachhaltigkeitsberichten. Entscheidend ist, ob diese Daten belastbar, prüfbar und zeitlich vergleichbar sind.
Außerdem sollte geklärt werden, welches Rahmenwerk zum Unternehmen passt. Für berichtspflichtige Unternehmen ist Biodiversität im Rahmen der CSRD und des ESRS E4 relevant, sofern es sich um ein wesentliches Thema handelt. Für kleinere und mittlere Unternehmen kann der freiwillige VSME – zukünftig in der Neuauflage als Voluntary Standard (VS) bezeichnete Berichtsstandard – eine pragmatische Orientierung bieten, insbesondere wenn Banken oder größere Kunden Nachhaltigkeitsinformationen anfordern. Auch die EU-Taxonomie kann je nach Tätigkeit und Projektbezug relevant werden.
Wichtig dabei: KPIs müssen mehr als gut gemeint sein. Sie sollten wesentlich für das Kerngeschäft und die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens sein, messbar, extern verifizierbar und mit Branchenwerten vergleichbar – das sind die zentralen Anforderungen, die auch die offiziellen Sustainability-Linked Loan Principles von Loan Market Association, APLMA und LSTA an solche Kennzahlen stellen.
Wenn ein neuer Kredit oder ein größeres Investitionsprojekt ansteht, kann sich auch die Entwicklung eines eigenen Rahmenwerks für Sustainability-Linked Loans lohnen. Damit lassen sich durch das Erreichen von Biodiversitätszielen günstigere Kreditkonditionen sichern – ein finanzieller Anreiz, der den eigenen Transformationsaufwand mitträgt.
Zwar sind biodiversitätsbezogene Kennzahlen im Kreditgeschäft bislang noch nicht flächendeckend etabliert. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Entwicklung im Sustainable-Finance-Umfeld, dass naturbezogene Risiken und Biodiversitätsaspekte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Unternehmen, die sich frühzeitig mit geeigneten Kennzahlen und Steuerungsgrößen befassen, schaffen daher eine gute Grundlage für zukünftige Finanzierungsanforderungen und können Chancen in der Weiterentwicklung nachhaltiger Finanzierungsinstrumente frühzeitig nutzen.
Wer parallel auch zweckgebundene Finanzierungsoptionen prüfen möchte, findet in grünen Anleihen eine ergänzende Möglichkeit.
Im Rahmen des bundesweiten Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt“ ist EurA dem – vom Nachhaltigkeitsabkommen Thüringen (NAT), den Thüringer Industrie- und Handelskammern sowie der DIHK Service GmbH initiierten – Bündnis für Biodiversität Thüringen beigetreten. So bleiben wir nah an aktuellen Entwicklungen, Praxisbeispielen und Impulsen rund um Biodiversität.
Wie wir Ihnen zur Seite stehen: Gemeinsam mit Ihnen analysieren wir, welche Relevanz Biodiversität für Ihr Geschäftsmodell, Ihre Standorte, Lieferketten und Finanzierungsvorhaben hat. Darauf aufbauend identifizieren wir relevante Datenanforderungen und entwickeln einen pragmatischen Fahrplan – abgestimmt auf Ihre Unternehmensgröße, Branche und die für Sie relevanten Rahmenwerke, beispielsweise VSME, CSRD oder EU-Taxonomie.
Auch bei der Vorbereitung auf Finanzierungsgespräche unterstützen wir Sie gezielt: von der Identifikation geeigneter Kennzahlen über die Bewertung biodiversitätsbezogener Risiken und Chancen bis hin zur Entwicklung eines maßgeschneiderten Sustainability-Linked-Loan-(SLL)-Rahmenwerks nach den aktuellen Sustainability-Linked Loan Principles.
Unser Ansatz ist dabei bewusst praxisorientiert. Nicht jedes Unternehmen benötigt sofort eine umfassende Biodiversitätsstrategie. Doch jedes Unternehmen, dessen Geschäftsmodell, Lieferketten oder Investitionen von ökologischen Themen beeinflusst werden, sollte die eigenen Risiken, Chancen und Handlungsfelder kennen. Denn Biodiversitätsaspekte und naturbezogene Risiken gewinnen in Finanzierung, Regulierung und Wertschöpfungsketten bereits heute zunehmend an Bedeutung.
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