Der europäische Raumfahrtsektor wächst rasant. Ob moderne Satellitenkonstellationen oder wiederverwendbare Trägersysteme – technologische Fortschritte treiben die Innovation der gesamten Branche voran. Gleichzeitig entwickelt sich Nachhaltigkeit zu einer zentralen Anforderung für künftige Weltraumaktivitäten. Mit dem vorgeschlagenen EU Space Act und der Entwicklung der PEFCR4Space rückt die Umweltleistung von Unternehmen zunehmend in den Fokus regulatorischer und marktseitiger Erwartungen.

Für Unternehmen in der Raumfahrtindustrie sowie der damit verbundenen Aerospace-Lieferkette markiert dies einen Wendepunkt: Organisationen, die diese Entwicklungen verstehen und frühzeitig lebenszyklusbasierte Nachhaltigkeitsbewertungen implementieren, sichern nicht nur ihre regulatorische Compliance. Sie stärken damit auch ihre Position in Lieferketten, Beschaffungsprozessen und bei zukünftigen Ausschreibungen.

In diesem Artikel zeigen wir auf, was der EU Space Act und die PEFCR4Space für den Raumfahrtsektor bedeuten und welche Schritte Unternehmen einleiten sollten, um den neuen Anforderungen einen Schritt voraus zu sein.

Der EU Space Act: Nachhaltigkeit wird verbindlich  

 

Was ist das EU-Weltraumgesetz?

Das EU-Weltraumgesetz (EU Space Act), vorgeschlagen von der Europäischen Kommission, zielt darauf ab, einen einheitlichen Rechtsrahmen für Weltraumaktivitäten in der Europäischen Union zu schaffen.

Der Ansatz konzentriert sich auf drei strategische Zielsetzungen: 

  1. Sicherheit – Einführung von Regelungen zur Verfolgung von Weltraumobjekten und zur Reduzierung von Weltraumschrott, um einen sicheren Zugang zum Weltraum zu gewährleisten.

  2. Resilienz – Stärkung der Cybersicherheit zum Schutz der europäischen Weltrauminfrastruktur und zur Sicherstellung der Betriebskontinuität.

  3. Nachhaltigkeit – Entwicklung von Anforderungen zur Bewertung und Verringerung von Umweltauswirkungen sowie Förderung nachhaltiger Innovationen in der Raumfahrt.

 

Die Nachhaltigkeitsanforderungen

Im Rahmen des Nachhaltigkeitsziels soll der EU Space Act Anforderungen an die Bewertung und Reduzierung der Umweltauswirkungen von Raumfahrtmissionen und zugehöriger Infrastruktur schaffen.

Nach aktuellem Stand der politischen Diskussion ist davon auszugehen, dass Raumfahrtakteure künftig stärker in die Pflicht genommen werden, ihre Umweltwirkungen systematisch zu erfassen und transparent zu machen. Dazu zählen voraussichtlich:  
  • die Bewertung des ökologischen Fußabdrucks von Raumfahrtmissionen,
  • die Anwendung von Lebenszyklusansätzen (Life Cycle Assessments, LCA), die Herstellung, Start, Betrieb und End-of-Life berücksichtigen,
  • die Nutzung harmonisierter Methoden zur Berichterstattung über Umweltwirkungen, etwa im Kontext etablierter Environmental-Footprint-Ansätze auf EU-Ebene. 

Die konkrete Ausgestaltung dieser Anforderungen sowie mögliche Übergangsfristen sind derzeit Gegenstand der weiteren Ausarbeitung und Abstimmung auf EU-Ebene. 

Wichtig ist zudem: Die regulatorischen Entwicklungen werden sich aller Voraussicht nach nicht auf Betreiber oder Startdienstleister beschränken. Vielmehr ist zu erwarten, dass auch Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – insbesondere Zulieferer – zunehmend gefordert sein werden, belastbare Umweltdaten bereitzustellen.

PEFCR4Space: Eine standardisierte Methodik zur Berechnung des ökologischen Fußabdrucks 

 

Was ist PEFCR4Space?

PEFCR steht für Product Environmental Footprint Category Rules und bezeichnet sektor- bzw. produktspezifische Regeln zur Anwendung der von der EU entwickelten Product Environmental Footprint (PEF)-Methodik. Ziel ist es, lebenszyklusbasierte Umweltbewertungen zu standardisieren und vergleichbar zu machen.

PEFCR4Space beschreibt die Übertragung bzw. Anpassung dieser Methodik auf Produkte und Systeme der Raumfahrtindustrie. Entsprechende Ansätze befinden sich derzeit in Entwicklung und zielen darauf ab, ein konsistentes Rahmenwerk für die Bewertung von Umweltauswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen.

Ziel ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, die Umweltwirkungen ihrer Raumfahrtprodukte systematisch zu quantifizieren und transparent zu kommunizieren.

Typische, im PEF-Kontext betrachtete Wirkungskategorien umfassen unter anderem: 
  • Klimawandel (Treibhausgasemissionen)
  • Ressourcenverbrauch (z. B. mineralische und fossile Ressourcen)
  • Ozonabbau 
  • Versauerung und Eutrophierung von Ökosystemen 
  • Feinstaubbildung und weitere luftbezogene Emissionen
  • Toxizität gegenüber Mensch und Umwelt

 

Warum der Raumfahrtsektor eine angepasste LCA-Methodik benötigt 

Life Cycle Assessment (LCA) ist in Branchen wie Automotive, Elektronik oder Energie längst Standard. Die Anwendung von LCA auf die Raumfahrtindustrie bringt jedoch spezifische Herausforderungen mit sich: 
  • hochkomplexe, globale Lieferketten
  • spezialisierte Materialien und Einzelanfertigungen statt Massenproduktion
  • zusätzliche Emissionen durch Raketenstarts  
  • Betrieb von Raumfahrtmissionen und Bodeninfrastruktur
  • besondere End-of-Life-Herausforderungen

Genau hier setzt PEFCR4Space an: Die PEF-Methodik der EU wird auf die spezifischen Bedingungen der Raumfahrt zugeschnitten. Ziel ist ein einheitlicher, belastbarer Rahmen, mit dem sich Umweltwirkungen konsistent über den gesamten Lebenszyklus erfassen und vergleichen lassen. 

Für Unternehmen ist das mehr als nur Methodik: Nachhaltigkeitsaussagen werden überprüfbarer, Berichterstattung vergleichbarer – und pauschale „grüne“ Claims deutlich schwieriger. Wer künftig im Markt bestehen will, braucht belastbare Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. 

Was PEFCR4Space für Unternehmen bedeutet: Drei zentrale Auswirkungen

Die PEFCR4Space befindet sich aktuell in Entwicklung und wird voraussichtlich bis 2027 finalisiert. Bereits heute zeichnen sich jedoch zentrale Auswirkungen auf das Aerospace-Ökosystem ab.

1. Umweltdaten in Lieferketten

Es ist absehbar, dass Hauptauftragnehmer und große Anbieter von Raumfahrtsystemen künftig verstärkt Umweltdaten von ihren Zulieferern einfordern werden. 

Dies betrifft insbesondere Unternehmen aus folgenden Bereichen: 
  • Elektronik und Halbleiter 
  • Verbundwerkstoffe 
  • Antriebskomponenten 
  • Systeme für die Bodeninfrastruktur  
  • raumfahrtbezogene Software und Dienstleistungen 

Lieferanten, die belastbare und konsistente Umweltdaten bereitstellen können, werden sich frühzeitig Wettbewerbsvorteile sichern.

2. Nachhaltigkeit bei Beschaffung und Ausschreibungen

Institutionen wie die ESA, die Europäische Kommission und nationale Raumfahrtbehörden entwickeln derzeit methodische Grundlagen, um Umweltwirkungen systematischer bewerten zu können. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Umweltleistungen künftig stärker in Beschaffungsentscheidungen einfließen werden. 

Unternehmen, die einen geringeren ökologischen Fußabdruck nachweisen können, könnten sich bei Ausschreibungen und langfristigen Partnerschaften einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

3. Ecodesign in der Raumfahrttechnologie 

Umweltbewertungen werden zunehmend Einfluss auf technische Entscheidungen nehmen, insbesondere im Kontext von Standardisierung und zukünftigen Beschaffungsanforderungen.

Typische Ansatzpunkte sind unter anderem:
  • wiederverwendbare Trägersysteme 
  • Leichtbaumaterialien 
  • optimierte Energie- und Thermalsysteme für Satelliten
  • verbesserte End-of-Life-Strategien

Damit entwickelt sich Nachhaltigkeit in der Luft- und Raumfahrt von einer Bewertungsgröße zu einem Treiber technologischer Innovation.

Frühzeitig handeln: Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor für die europäische Raumfahrt

Der europäische Raumfahrtsektor tritt in eine neue Ära. Nachhaltigkeit, Transparenz und Umweltverantwortung gewinnen dabei – regulatorisch wie marktseitig – zunehmend an Bedeutung.

Auch wenn sich der EU Space Act und die PEFCR4Space derzeit noch in der konkreten Ausarbeitung befinden, ist eine frühzeitige Vorbereitung für Unternehmen entscheidend. Umweltbewertungen für hochkomplexe Raumfahrttechnologien sind zeitintensiv: Sie erfordern eine umfassende und präzise Datenerhebung über internationale Lieferketten hinweg.

Wer früh den Grundstein legt, profitiert von klaren strategischen Mehrwerten: 

   Stärkere Marktposition: Die Nachfrage nach belastbaren Umweltdaten wird entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutlich steigen. Unternehmen, die Environmental-Footprint-Daten für ihre Produkte und Systeme zuverlässig bereitstellen können, stärken ihre Position gegenüber Hauptauftragnehmern und Systemintegratoren und sichern sich entscheidende Vorteile in künftigen Projekten. 

   Regulatorische Resilienz: Wer sich rechtzeitig mit den kommenden Anforderungen vertraut macht, vermeidet kurzfristigen Umsetzungsdruck und kann die Vorgaben effizient und proaktiv in bestehende Prozesse integrieren.

   Identifikation von Umwelt-Hotspots: Durch systematische Lebenszyklusanalysen werden die wichtigsten Hebel für Emissions- und Ressourcenminderungen sichtbar – ob in der Fertigung, beim Materialeinsatz oder im Energieverbrauch. So lassen sich Optimierungspotenziale erschließen und Lieferkettenrisiken gezielt reduzieren.

  Glaubwürdige Kommunikation: Fundierte Daten statt vager Versprechen: Nachvollziehbare Umweltkennzahlen stärken die Aussagekraft der eigenen Kommunikation und schaffen Vertrauen bei Kunden, Investoren und öffentlichen Institutionen. 

Fazit: Unternehmen, die Life-Cycle Thinking und fundierte Umweltbewertungen frühzeitig integrieren, positionieren sich erfolgreich in einem sich wandelnden Marktumfeld und gestalten die Zukunft der Luft- und Raumfahrt aktiv mit.

Benötigen Sie Unterstützung? 

Möchten Sie ökologische Kennzahlen bereits im Rahmen eines Entwicklungsprojektes einfließen lassen oder benötigen Sie Unterstützung bei der Berechnung und dem Reporting Ihrer Umweltbilanzen? Dann kommen Sie gern auf uns zu. 

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Ihr Kontakt:
Dr. Denise Ott

Leitung Fachbereich Nachhaltigkeit
denise.ott@eura-ag.de
+49 3682 400 62-26


Nachhaltigkeitsinnovationen in der Luft- und Raumfahrtindustrie erfordern oft erhebliche Investitionen. EurA steht Unternehmen zur Seite, wenn es darum geht, nationale und europäische Fördermöglichkeiten für Nachhaltigkeits- und Aerospace-Innovationsprojekte zu identifizieren und erfolgreich zu nutzen. 

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Ihr Kontakt:

Johannes Schmidt
Leiter Niederlassung Aachen
johannes.schmidt@eura-ag.de
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Weiterführende Informationen: 
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Seit 2018 bin ich bei EurA als Nachhaltigkeitsberaterin tätig und verantworte seit 2020 den Dienstleistungsbereich mit derzeit 12 Mitarbeitenden. Parallel leite ich unsere seit 2024 akkreditierte Prüfstelle für Treibhausgasbilanzen und unterstütze als GHG-Gutachterin (EU Innovation Fund) sowie Expertin bei Green-Assist (EU LIFE) die Entwicklung nachhaltiger Investitionsprojekte. Nach meinem Chemiestudium an der Universität Jena promovierte ich im Rahmen eines DBU-Stipendiums zur Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien in Forschung, Entwicklung und Lehre. Als Postdoc lag mein Fokus auf der ökologischen Bewertung chemischer und pharmazeutischer Prozesse. Nachhaltigkeit entlang des gesamten Lebenswegs von Produkten, Prozessen und Innovationen zu begleiten – von der Idee bis zum Markteintritt – gibt mir das Gefühl, Gutes zu bewirken. Ich schätze den inspirierenden Austausch mit Kunden und Partnern sehr. Privat bin ich gern in der Natur, lese oder genieße kulinarische Spezialitäten.
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